Form Follows Function im Webdesign

Was moderne Websites mit Bauhaus und Sullivan gemein haben

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Am liebsten würde ich auf die Wand, die sich hinter meinem Bildschirm befindet, mit schwarzer Farbe ein rohes „Form Follows Function“ malen. Es würde mir sehr helfen, mich in wirklich allen Bereichen meiner Arbeit daran zu erinnern, dass dies mein Leitsatz ist. Form. Follows. Function.

Wenn ich etwas erklären will, sollte ich einen Text darüber schreiben. Will ich etwas veranschaulichen, ist die wohl beste Form dafür eine anschauliche Grafik. Will ich Werbung machen, sollte die betreffende Website die Funktion eines Ladengeschäfts übernehmen und seine Kunden wie ein Verkäufer zum Handeln auffordern. Und wenn ich als Marke repräsentieren will, sollte die Form absolute Wertigkeit ausstrahlen.

Zumindest ist das Form Follows Function (FFF) aus Kommunikationssicht. In einzelne Disziplinen kann Webdesign sowieso kaum noch aufgeteilt werden. Das Design sendet eine Botschaft, der Text muss schön aussehen und der Technik müssen sich sowieso beide unterwerfen, ansonsten funktioniert das mit der Werbung nicht.

Aus diesem Blickwinkel möchte ich in diesem Beitrag ein paar grundsätzliche Fragen zu gutem Webdesign diskutieren.

Was ist eigentlich die Funktion einer Website? Was ist eine gute Herangehensweise, um eine Webseite zu konzipieren?

Folgt man Form Follows Function konsequent, steht zu Beginn einer Webseite definitiv immer eine Gliederung und ein starkes Layout. Aus der klugen Strukturierung von Inhalten können sich alle möglichen Designelemente ableiten. Wichtig ist jedoch, dass der Nutzer sich jederzeit zurechtfindet und die Seite einfach zu navigieren ist.

Das finden nicht nur gute Designer, sondern übrigens auch der Google-Algorithmus. Wenn es ein Unternehmen gibt, das sich dem modernen FFF konsequent verschrieben hat, dann ist es wohl Google.

Und daraus folgt die Form? Ist das Design einer Website nicht hauptsächlich Typsache?

Das würde ich nicht sagen. Es gibt wenige Disziplinen, die unsere Gesellschaft immer wieder aufs Neue formen, wie es gutes Design tut. Design erschafft Archetypen. Diese sind zwar oft ein hochindividueller Ausdruck des ästhetischen Bewusstseins eines Designers, können aber, wie in der Musik, ganze Generationen prägen. Was die Beatles für die Popmusik waren, ist das iPhone für die Internetbranche – eine Ikone.

Gibt es nicht bereits längst Formen, die man automatisch beim Besuch einer Website erwartet?

Selbstverständlich gibt es die, und viele von ihnen bauen auf der Funktion einer Website auf. Wenn der Kunde beispielsweise ein Zahnarzt ist, dient seine Website als Visitenkarte mit Leistungsübersicht, Kontaktdaten und Öffnungszeiten. Die reduzierte, jedoch unbedingt kundenfreundliche und leicht verständliche Form einer solchen Website leitet sich direkt von diesen Grundanforderungen ab.

Das kann man von einem Mittelständler, der sich auf Normbauteile für Rasenmäher spezialisiert hat, nicht behaupten. Hier dient die Website vor allem repräsentativen Zwecken und hat daher auch andere Gestaltungsmöglichkeiten. Die Besucher einer solchen Website sind vornehmlich auf der Suche nach Informationen über das Unternehmen selbst und unterscheiden sich von der klassischen Laufkundschaft eines Zahnarztes.

Bei Künstlern kann die Form einer Website manchmal sogar mit der Funktion identisch sein: Je unkonventioneller sie designt ist, desto besser kommt die Persönlichkeit des Künstlers zum Vorschein.

Woher kommt Form Follows Function überhaupt?

Form Follows Function ist eigentlich ein Begriff der Architektur und wurde in Deutschland vor allem über die Bauhausbewegung bekannt, die sich diesem Leitsatz in einer äußerst sachlichen Interpretation verschrieben hatte. Kein Schnickschnack, keine Schnörkel, die Funktion eines Gebäudes wurde ermittelt und galt als Gestaltungsgrundlage. Dass die Anhänger des Bauhausstils sich hier jedoch selbst ein bisschen belogen haben und es sehr wohl auch um Ästhetik ging, kann man am Ergebnis ihrer Arbeit sehen:

Carsten Janssen / cc-by-sa-2.0-de

Das Fagus-Werk, Hauptgebäude (Frontale) / Carsten Janssen / cc-by-sa-2.0-de

Ursprünglich kommt Form Follows Function jedoch aus den USA. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts prägte Louis Sullivan, der „Vater der Hochhäuser“, diesen Begriff und fasste ihn gleichzeitig ganz anders auf als später die Deutschen. Seine Gebäude sind oft reich verziert, da er Häusern unter anderem eine repräsentative Funktion zusprach. Ein Bankgebäude ohne Ornamente zeigte für ihn nicht die Wertigkeit und den Status, den ein Finanzinstitut repräsentieren sollte.

Also ist eine Webseite wie ein Haus, entweder nach alter Schule voll ornamentiert oder aber klar strukturiert, kühl und emotionslos?

Wenn man Schwarz-Weiß-Denken mag, ist das sicher eine mögliche Antwort. Auf jeden Fall ist es ein guter Denkansatz, sich selbst mit diesen Extremen einen Rahmen abzustecken. Wo würde man das eigene Unternehmen oder den Kunden auf diesem Spektrum einordnen? Oder, bildlich gesprochen: Welche Form braucht der Kuchen? Geht der Teig eher auf (viele Themen und Unterseiten) oder ist es ein Blechkuchen (One Pager)?

Die wichtigste Lehre, die man aus Form Follows Function im Webdesign mitnehmen kann, ist sicherlich die, dass man sich im ersten Schritt nicht ausschließlich von kreativen Impulsen leiten lassen sollte. Man besinnt sich besser darauf, was an Content vorhanden ist und wie das jeweilige Webprojekt gegliedert sein muss, um seine Nutzer zu erreichen. Blechkuchen mit Schokostreuseln ist sicher lecker, aber wenn die Zutaten nach Sahnetorte schreien, sollte man entsprechend backen.